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Reisebericht Fukuoka Teil 3: O-shougatsu – die Neujahrsfeiertage in Japan

Am Silvestertag rutscht uns kurz das Herz in die Hose. Mehrere Websites im Netz behaupten, an diesen wichtigsten japanischen Feiertagen des Jahres seien alle Geschäfte geschlossen. Alle, überall. Was sollen wir denn drei Tage lang machen, wenn alles menschenleer und verlassen ist? Was sollen wir essen? Wo sollen wir hingehen?

Shou, unser Gastgeber antwortet wie immer innerhalb von Minuten beruhigend auf unsere nervöse Mailanfrage. Vereinzelt seien Geschäfte geschlossen, aber keiner der 24-Stundenläden „Konbini“ und auch nicht alle Restaurants.

Also, sollte ihr mal über Neujahr nach Japan fahren, lasst euch nicht in die Irre führen von irgendwelchen Websites. In den großen Städten sind die Stores nicht etwas geschlossen, sondern beginnen mit dem 1. Januar den Seru – Sale. Reduzierungen bis zu 70% lassen die Kreditkarten glühen. Menschenmassen schieben sich durch die riesigen Shoppingpaläste mit ihren Lebensmittelabteilungen im Basement. Unendliche Weiten – mehrfach verirren wir uns. Teilweise finden wir Ausgänge oder einzelne Orte einfach nicht mehr wieder. Fast so als befänden wir uns im Plot des kanadischen Sci-Fi – Horrorstreifen Cube von Vincenzo Natali aus dem Jahre 1997.

Aber noch haben wir den Sylvestertag. Wir kaufen Soba – braune Buchweizennudeln, die am Sylvesterabend kalt gegessen werden. Lange Nudeln für ein langes Leben. Die Zubereitung wird ein bisschen abenteuerlich, unser Air-BnB – Appartement hat nämlich kein Sieb, so dass wir die Nudeln über dem Geschirr-Abtropfkorb abgießen müssen. Es wird eine kleine Überschwemmung geben, aber keine ernsthaften Verletzungen.

Gegen dreiundzwanzig Uhr laufen wir zum Kushida Jinja, dem bekanntesten Shintoschrein Fukuokas. Ganz in der Nähe des Schreins gibt es außerdem einen buddhistischen Tempel. Somit ist der Ort perfekt für den Start ins neue Jahr.

Vor dem Schrein hat sich eine lange Schlange gebildet. Ganz japanisch stellen wir uns an. Als sich nach zehnminütigem Warten einfach gar nichts getan hat, werde ich nervös. „Wieso stehen wir hier an? Es geht ja gar nicht vorwärts.“ Der Japaner will die mit uns anstehenden Japaner nicht fragen, es sei doch doof, wenn er als Japaner frage, was man hier mache. Ach so. Er geht mal schauen, was sich im Schrein tut. Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt er wieder. „Die Menschen stehen an, um im neuen Jahr das erste Gebet am Schrein zu sprechen.“ Aha. Ich fühle mich ein wenig verloren.
Da ertönt sie. Die Glocke. Die buddhistische Glocke aus dem buddhistischen Tempel am anderen Ende der Straße. Es beginnt die Zeremonie der 108 Glockenschläge. Mit ihr werden die 108 Leid verursachenden Manifestationen zum neuen Jahr losgelassen. Eine knappe Beschreibung was es mit diesem Ritual auf sich hat könnt ihr hier nachlesen. https://dastorlosetor.wordpress.com/tag/108-glockenschlage/

„Siehst du, das sind doch gar nicht die Shintoisten, die die Glocke schlagen, das machen die Buddhisten. Wir sind hier falsch!“ Ich bin so aufgeregt! Schnell verlassen wir die Schlange, die sich seit unserer Ankunft mehr als verdreifacht hat und rennen zum Tempel. Am Tor werden wir gestoppt: „Tomatte kudasai!“ – Halt, ruft ein breitschultrig am Tor stehender Mann mit Hafenmütze. „Oh nein, wir dürfen nicht rein“, denke ich. Es folgt ein schneller Schlagabtausch auf japanisch an dessem Ende der bemützte Mann uns einen grünen Zettel mit einer 102 darauf in die Hand drückt und uns in den Tempelhof schiebt.

Die Augen des Japaners leuchten: „Wir dürfen die Glocke schlagen!“ sagt er und übersetzt die gesamte Unterhaltung. „Halt! Nur für Menschen, die die Glocke schlagen wollen!“, „ähm, ach so…“, „willst du die Glocke schlagen?“, „ähm, ja…“, „Hier, Schlag 102.“

Und so stehen wir tatsächlich im Hof des Tempels, hinter und dürfen noch weitere sechs Grüppchen und Pärchen rein, danach wird das Tor geschlossen. Es ist eine gemütliche, friedvolle, unaufgeregte, heimelige Stimmung. Ich verdrücke ein paar Tränchen vor Rührung. Wir schlagen die Glocke!

 

Während des Wartens ist es irgendwann Mitternacht. Irgendjemand ruft: „Happy New Year!“, alle rufen zurück und klatschen kurz, dann ist jeder wieder für sich. Die einen sind andächtig und ruhig, andere lachen, machen Quatsch, jeder ist so wie er sein mag. Friedlich. Als wir an der Reihe sind, schlägt der Japaner während der Sohn und ich nur zuschauen wollten, aber wir werden aufgefordert, ebenfalls zu schlagen, unser sanfter Protest wird nicht akzeptiert. Die Truppe nach uns ist stark alkoholisiert, der Schläger kann den Schwung nicht richtig koordinieren und schlägt zweimal. Am Ende hat die Glocke wahrscheinlich mehr als hundertacht mal geläutet in dieser Nacht, aber das spielt wohl gar keine Rolle.

Wir verlassen den Tempel und gehen zurück zum Schrein. Die Schlange ist mittlerweile so lang, dass mir die Kinnlade runter fällt. Ich bekomme langsam ein Gefühl für den Glauben und die Wichtigkeit, die die Einhaltung der Rituale hat.

Im Shintoschrein, steppt der Bär! Es gibt Buden mit gerilltem Tintenfisch und Mais. Buden mit Bier und Buden mit heißem Amazake. Einem traditionellen japanischen Getränk, dass aus fermentiertem Reis und dem Kouji-Pilz ergestellt wird. Die Konsistenz ist ein bisschen dickflüssig, leicht klumpig und süß. Gewöhnungsbedürftig für europäische Zungen, aber gut.

Wir essen und trinken etwas und treten dann den Heimweg an.

An Neujahr kommen wir morgens gegen elf zurück zum Kushidaschrein. Die Schlange der für das erste Gebet anstehenden Wartenden geht mittlerweile einmal um den gesamten Block. Der kleine Buddhistische Tempel ist geschlossen, ich lächle meiner Glocke zu.

Und dann stürzen wir uns in Getümmel. Die Menschenschlange außerhalb des Schreins ist nur die Spitze des Eisbergs gewesen. Die große Anlage ist voller Menschen, alle sind hier, um sich ihre Portion vom Glück für das neue Jahr zu sichern .

Für sein persönliches Glück kann man ja bekanntlich eine Menge tun. In Japan kann man es sogar kaufen. Am Glückskiosk im Schrein gibt es kleine Zettel mit Prophezeihungen für das kommende Jahr, Glückspfeile und Holztäfelchen zu kaufen. Die Zettel werden nach Shintoart gefaltet und an Bäume, Sträucher oder eigens dafür aufgebaute Gestelle gebunden. Auf die Rückseite eines Holztäfelchens schreibt man seinen persönlich sehnlichsten Wunsch, um ihn anschließend ebenfalls im Tempelhof aufzuhängen. Die Glückspfeile sind gesegnet und werden mit Nachhause genommen.

Glückliche Zeit.

Pia
>j<

 

 

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