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Stricken ist mein Yoga

In der Community der knittersofinstagram gibt es viele beliebte Hashtags. Zwei davon fallen mir immer besonders ins Auge. Es sind die beiden Hashtags #strickenistmeinyoga oder #knittingismyyoga. Ich liebe stricken und ich liebe Yoga. Beides schon ziemlich lange, wenn auch das Yoga erst vor einem Jahr so richtig in mein Leben gekommen ist. Die Verbindung beider Themen ist für mich ein kleines bisschen Himmel auf Erden. Aber kann Stricken auch mein Yoga sein?

Was haben Stricken und Yoga gemeinsam?

Ich empfinde einen inneren Widerstand bei dieser Aussage und fühle mich ein wenig getriggert. Wieso eigentlich? Was bedeutet es Stricken und Yoga gleichzusetzen? Es suggeriert, dass die Ausübung beider Tätigkeiten zum gleichen Ergebnis führt. Kann das sein? Ich habe es nicht bewusst und unter Laborbedingungen erforscht, trotzdem traue ich mich, diese These mit absoluter Sicherheit zu verwerfen. Egal, wie lange ich auf der Matte praktiziere, im Ergebnis konnte ich am Ende nie eine selbstgestrickte Socke vorweisen. Eine gute Yogastunde mit gezielten Übunden wirkt Wunder gegen Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich. Stricken hingegen ist eher eine der Ursachen für selbige. Manchmal schmerzen nach längerem Stricken die Handgelenke, so wie sie es auch nach einer Yogasession tun können -wohlgemerkt, niemals sollten. Stricken ist mein Yoga ist freudig-positiv gemeint, ein beginnendes Karpaltunnelsyndrom bereitet sicher keine Freude. Darum geht es wohl nicht. Um was dann?

Zwei Yogabloecke mit farblich passenden Yogasocken. Yogasocken selbstgestrickt.

Von langweiligen Ömchen und subversiven Elementen

Das Stricken hatte lange das Image eines alteomamäßigen Hobbys für Langweilerinnen. Es schien harmlos, spießig. Wer Maschen zählte hatte keine Zeit für kritisches Denken und wurde belächelt. Mit Yogis wurde da schon anders umgegangen. Yoga war suspekt. Esoterisch-subversiv. Über allem waberte die Vorstellung von Sektenbildung mit verherrlichtem Guru. Das konnte schnell eine Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung darstellen und musste misstrauisch beäugt werden. Im Laufe der Zeit hat sich die Sicht auf beides relativiert und verändert. Sicherlich trugen dazu auch die vielen strickenden oder Yoga praktizierenden Promis bei. Ihre Posts in den sozialen Medien ließen beides hipp werden.

Slowfashion und Entschleunigung

Das spießige Image des Strickens ist zum Glück endlich Geschichte. Mit dem Sockenstricken wird ein neues Bewusstsein verbunden. Selbermachen ist die gesunde Alternative zum Dauerkaufzwang der kapitalistischen Konsumwelt. Ein selbstgestrickter Pullover ist der Inbegriff von Slowfashion. Stricken ist unbestreitbar eine nachhaltige Beschäftigung.
Auch Yoga bedient die Sehnsucht nach Entschleunigung und mehr Tiefe in den Dingen. Die Matte wird zum Rückzugsort vor schnelllebigem Alltag und permanenter Erreichbarkeit. Wer ernsthaft Yoga praktiziert, denkt irgendwann auch über Nachhaltigkeit nach. Die beiden Tätigkeiten haben tatsächlich einiges gemein. Aber Stricken-ist-mein-Yoga klingt irgendwie so, als sei Stricken das neue und bessere Yoga. Wieso das denn?

Einatmen – zwei rechts, ausatmen – zwei links

Ein junges Stricklabel spanischer Hippster, denen man das Stricken von Yogasocken sofort abnimmt, nannte Stricken das Yoga des 21. Jahrhunderts. Einige DIY-Blogger bekamen Produktproben, strickten, posteten die Bilder ihrer selbstgestrickten Werke und schrieben begeistert über die beruhigende, stressreduzierende Wirkung des Strickens. Die Onlineausgaben bekannter Printmagazine veröffentlichten Artikel, in denen die positiven Auswirkungen das Strickens auf Körper und Geist mit denen des Yoga gleichgesetzt wurden. Es war wissenschaftlich bewiesen: Eine Runde Stricken ist so gut wie das Praktizieren von Sonnengruß & Co.. Es schult den Geist, hält das Gehirn jung, erhöht die Konzentrationsfähigkeit, baut Stress ab und stärkt damit das Herz-Kreislaufsystem.

Tauscht die Matten gegen die Nadeln

Mit den beiden Hashtags sind in Insta knapp fünfhunderttausend Bilder getaggt. Natürlich kann man im Internet alles möglich mit dem Motto „Stricken ist mein Yoga“ kaufen. Es gibt Tassen, Shirts, Hoodies, Projektbeutel, Einkaufstaschen, Notizbücher und jede Menge Sprüchebilder. Ist nichts für mich, aber wem es gefällt, der braucht nur zu googlen. Ein wenig skurril fand ich es schon, als ich bei meiner Recherche zum Thema ein Handstrickgarn namens Namaste fand. Die Wolle ist eine Mischfaser mit hohem Kunstfaseranteil, nicht sehr nachhaltig. Als Bezug zum Yoga beruft sich der Hersteller auf die wissenschaftlich bewiesene beruhigende Wirkung des Handarbeitens. Jede der über dreißig Farben ist nach einer Yoga-Pose benannt. Fun fact: Meine Lieblingsfarbe pink heißt Lord of the dance, was zufälligerweise auch meine Lieblingspose ist. (Direkt danach kommt Flachliegendekatze ;-)).

Am Ende dieses Artikels angekommen, sehe ich die Sache gelassener. Ich habe beides in meinem Leben und niemand sagt, ich müsse mich entscheiden. Ich mache, was mir gefällt. Manchmal fällt meine Morgenroutine auf der Matte zugunsten von ein paar Reihen oder Runden am neuesten Strickprojekt aus. Manchmal liegt mein Strickstück mehrere Tage unberührt auf der Couch, weil ich meine Zeit lieber mit Yoga verbringe. Stricken ist mein Stricken und Yoga ist mein Yoga. Und meine Instabilder tagge ich künftig mit #strickenistwieyoga und #knittingislikeyoga.

Pia
>j<

Ein Kommentar

  • carina

    Liebste Pia – meine Verbindung zum Yoga bist Du. Wer weiß, vielleicht fange ich damit wirklich irgendwann an. Und sei es nur, um zu wissen, wie „Lord of the Dance“ geht 😉 Bis dahin ist mein hashtag #strickenistmeingarten …
    😘 Carina.

    PS … schicke Yogasocken! Sehr schicke Yogasocken!

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