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Über Neujahr in Japan – Teil 1: Anreise und erste Eindrücke

Abflug in Frankfurt am 27.12. um 20:45. Wir haben die letzten Plätze in der hintersten Reihe.

Der Flieger ist voll besetzt. Viele Japaner und japanische Mix-Ehen mit kleinen Kindern. Immer in der Kombination japanische Frau, deutscher Mann. Sie feierten Weihnachten in Deutschland und fliegen nun zum Neujahrsfest nach Japan. Zum „Neujahrsfest“, diese Formulierung ist viel zu zurückhaltend und drückt nicht mal im Ansatz aus, was Neujahr in Japan wirklich bedeutet. Doch dazu später mehr. Die meisten Japaner tragen Hausschlappen im Flieger. Genau, die Japaner haben ein Hausschlappen-Ding am Laufen, Europäer können damit überhaupt nichts anfangen. Das hatte ich ganz vergessen. Die Flugbegleiterin reagiert auf meine japanischen Sätze und spricht nur noch japanisch mit mir. Ich stricke, höre Musik und döse. So richtig schlafen kann ich nicht in der aufrechten Haltung. Die Geräuschkulisse lässt mich immer wieder hochschrecken.

Die Stadt Fukuoka befindet sich auf Kyushu, der südlichsten der vier Hauptinseln Japans. Sie liegt im dreiunddreißigsten Breitengrad und damit auf einer Höhe mit Casablanca, Shanghai und Los Angeles. Mit rund 1,6 Millionen Einwohnern und einer Fläche von 341 Quadratkilometern lässt sie sich gut mit München vergleichen. Der Name bedeutet Glückshügel. Obschon in der Welt nicht sehr bekannt, genießt sie einen guten Ruf. Sie hat eine aufstrebende, coole Startup-Szene und die Lebenshaltungskosten sind erschwinglich.

Landung in Tokio, Umstieg in den Flieger nach Nagoya, Sprinten in Nagoya, um den Flieger nach Fukuoka zu kriegen, Ankunft am Flughafen Fukuoka am 28.12. gegen 21 Uhr. Der Flughafen ist klein, improvisiert mit baufälliger Decke und ich denke an Lissabon. Nach 16 Stunden Reisezeit und 10.450 Kilometern ist meine erste Assoziation ein Ort in Europa, das hätte ich nicht erwartet. Die U-Bahnstation ist leicht zu finden, das Ticketsystem der nationalen JR-Line einfach, vor allem, wenn man einen Nativ-Speaker an seiner Seite hat. Zwei Stationen mit der S-Bahn, Ankunft in Hakata Station. Ein riesengroßer Bahnhof. Wir finden schnell und unkompliziert den richtigen Ausgang, es soll das letzte mal auf dieser Reise so einfach sein.

Draußen pulsiert die Stadt als wäre es früher Abend. Helle Lichter zeugen vom gerade vergangenen Weihnachtsfest. Hochhäuser stehen dicht an dicht mit großen Leuchtreklamen an den Fassaden. Die Seitengassen sind eng, ohne Bürgersteige, dicke Stromkabel ziehen sich wirr die Straßen entlang und an den Häusern hoch. Ich hatte es mir irgendwie stylisher vorgestellt. Shou, unser Vermieter hat uns eine Wegbeschreibung gemailt, Fußweg knapp 15 Minuten von Hakata Station entfernt soll sich das Appartement befinden. Wir laufen los. Die Straßen sind befahren, Fußgänger und Radfahrer teilen sich die Trottoirs. Die Radfahrer fahren meist ohne Licht und immer ohne Regeln. Man muss schon mal zur Seite springen. Wir laufen und laufen, die Straßen werden leerer, Fußgänger gibt es kaum noch, wir müssen uns eingestehen, dass wir uns verlaufen haben. Ich lasse die beiden suchen und trotte hinterher. Es ist sehr cool, dass ich so viele Schilder lesen kann. Mit vereintem Schauen und google maps finden die Scouts das Appartement. Der Schlüssel liegt im mit einem Zahlenschloss versehenen Briefkasten. So kann man wirklich jeder Zeit einchecken. Das Haus und das Appartement sind genau wie ich es aus japanischen Filmen kenne. Im Eingangsbereich ist der kleine geflieste Vorraum für die Straßenschuhe, direkt daneben ein Wandschrank, der praktischerweise Platz für die Jacken haben könnte bei so einem winzigen Appartement. Hat er aber nicht, denn es ist ein Schuhschrank, genauer gesagt ein Hausschuhschrank. Die Straßenschuhe werden im Vorraum ausgezogen, die Wohnung darf nicht mit Straßenschuhen und die geflieste Fläche nicht ohne Straßenschuhe betreten berührt werden. Da verstehen die Japaner keinen Spaß. Wir wählen aus den dutzenden von Paaren jeder eines für sich aus. Ich entscheide mich für ein puscheliges Paar aus rosafarbenem Plüsch.

Über eine Stufe geht es in den Wohnbereich. Links das kleine Bad. Rechts die Toilette. Beide Räume haben keine Heizung, ganz schön schattig im Winter. Zum Glück ist die Klobrille beheizt. Nach unserer Rückkehr wird mein Körper drei Tage brauchen, bis er nicht mehr erschrocken zusammenzuckt beim Berühren der unbeheizten Holzbrille. In der Toilette stehen natürlich Hausschuhe. Das sind die Toilettenschuhe. Nur mit ihnen darf der Raum betreten werden und sie dürfen die Toilette niemals verlassen. Als Europäerin tue ich mich echt schwer damit. Während unseres Aufenthaltes passiert es mir insgesamt dreimal, dass ich mich mit den Toilettenschuhen an den Füßen im Wohnbereich ertappe. Hoffentlich liest Shou niemals diesen Bericht, sonst revidiert er noch seine nette Air BnB Beurteilung über uns. Weiter im Raum gibt es eine kleine Küchenzeile mit einer einzelnen Hightec-Kochplatte, einer Spüle, eine Microwelle und einem Kühlschrank, ausreichend für einen Städtetrip. Daneben stehen drei riesige Mülltonnen aus Plastik. Mülltrennung auf japanisch heißt, unterscheiden zwischen brennbar, nicht brennbar, also Dosen und PET. Ökologisch geht anders. Es gibt einen kleinen Tisch und die Schlafgelegenheiten lassen sich mit Schiebetüren in kleine Räume trennen. So werden wir also wohnen die nächsten acht Tage, wie japanische Großstädter.

Wie schlafen alle drei tief und gut, der gefürchtete Jetlag, unter dem ich die letzten Male so gelitten hatte, bleibt komplett aus. Eine freudige Überraschung.

Bei Tageslicht betrachtet ist der Blick aus dem Balkon noch immer nicht stylish. Scheinbar planlos ist die Stadt zusammengewürfelt. Zwischen den Hochhäusern zieht sich auf der einen Seite die Bahnhochtrasse, auf der anderen die Autobahn. Direkt unter uns ist ein kleines japanisches Einfamilienhaus mit japanischem Garten eingequetscht zwischen den hohen Häusern.

So weit das Auge reicht sind rundum Balkone, Reklamen, Stromkabel und enge Straßen.

Wir frühstücken „westernstyle“: Toast mit Mayo, frisch aufgebrühten Kaffee mit Milch und Trinkjoghurt aus dem Tetrapak. Unser Sohn kann die Milchtüte nicht öffnen, denn sie hat keinen Schraubverschluss. Ich zeige ihm, wie man die beiden Ecken auseinander zieht und dann durch Drücken und gleichzeitiges nach vorne schieben die Verpackung öffnet. Ein praktischer Verschluss, der ganz ohne Plastik auskommt. Genauso wie früher. Warum hat man diese Verpackungen in Deutschland abgeschafft?

Fukuoa ist ein beliebtes Ausflugsziel für junge Menschen und ein Shopping-Mekka. Ob das stimmt? Wie machen uns an unserem ersten Tag auf nach Tenjin, einem der großen Shoppingareale der Stadt. Hier gibt es einen der weltweit raren Supreme-Stores.

Dank des im Mietpreis enthaltenen Pocket-Wifi und Google Maps finden wir ohne Umwege den Store. Dieser Teil Tenjins ist cool, hipp und jung. Es duftet nach Curry und Gebratenem. Das Straßenbild ist geprägt von den durchgestylten Schaufenstern aller angesagten Marken der Welt und den Restaurants und Fressecken im japanischen Stil. Das Design der Läden ist der Hammer, ich bin überwältigt. Es ist international und westlich anmutend. Bin ich in London? Musik, Verkäufer, Interior sind perfekt aufeinander abgestimmt. Der Besuch des BAPE-Stores ist wie ein Sprung in die Zukunftsstadt aus Luc Bessons „Das fünfte Element“.

Nachdem wir in allen It-Läden der modernen Jugendkultur waren, haben wir platte Füße und noch nichts gekauft, denn das Preisniveau ist hoch.

Mittlerweile ist es schon nachmittags. Der Hunger treibt uns zu dem Restaurant, vor dem sich zur Mittagszeit so eine lange Schlange gebildet hatte. Am Eingang werden wir am Eintreten gehindert. Erst müssen wir an dem aufgestellten Automaten unser Essen wählen. Per Tastendruck zieht man ein Märkchen, das man auch direkt schon bezahlt. Mit dem Märkchen in der Hand wartet man dann, bis man eingelassen wird. Es ist ein kleiner Laden mit einer Theke in der Mitte, man sitzt auf Barhockern. Wir essen gegrilltes Steakfleisch auf Reis und trinken Eiswasser, das in einer Karaffe vor uns steht. Typisch japanisch, Wasser gibt es umsonst, so viel man möchte. Aus den Lautsprechern dröhnt Ed Sheeran.

Ich brauche Ruhe. Ich will einen Tempel, ich will das Meer.

Am großen Busterminal von Tenjin steigen wir zum ersten Mal in einen japanischen Bus. Man steigt hinten ein. Die meisten Japaner halten ihre Handys an einen Scanner. Wir ziehen kein Ticket aus dem Ticketspender, weil der Mann an meiner Seite meint, das müsse man nicht. Der Fahrer trägt eine Uniform mit passender Chauffeursmütze und weißen Handschuhen. Auf dem Bildschirm oberhalb seines Kopfes sind Kästchen mit Nummern. Die Nummern sind nicht fortlaufend, jeder Nummer ist ein Yen-Wert zugeordnet. Die Preise erhöhen sich im Verlauf der Fahrt. Der Fahrer redet während der gesamten Fahrt. Er informiert über jede seiner Handlungen: „Migi ni magarimasu“ – ich biege rechts ab. „Tomarimasu“ – ich halte an. Ich biege links ab, ich fahre an, murmelt er uanablässig, während aus dem Lautsprecher eine hohe Frauenstimme die nächste Haltestelle und deren Umsteigemöglichkeiten auf japanisch ankündigt, gefolgt von einer etwas tieferen Frauenstimme, die die gleichen Informationen auf englisch wiederholt. An den Haltestellen verabschiedet sich der Fahrer von jedem Fahrgast mit einem Dankeschön „Domo arigato gozaimasu“.

Bezahlt wird vorne beim Ausstieg, in dem man entweder sein Handy wieder auf einen Scanner hält, oder den Fahrpreis in abgezähltem Münzgeld in einen Kasten wirft. Kein abgezähltes Münzgeld zur Hand? Kein Problem! Ebenfalls vorne beim Fahrer befindet sich ein Wechselautomaten, der Scheine in Münzen wechselt. Bitte nicht erst beim Ausstieg wechseln, das blockiert den Ausgang und behindert so die anderen Aussteigewilligen. Bitte nicht während sich der Bus in Bewegung befindet nutzen, man könnte bei einer der Fahrbewegungen stürzen. Es ist sehr lustig zu beobachten, wie die Fahrgäste an Haltestellen oder roten Ampeln noch vorne sprinten, Geld wechseln und noch bevor der Bus anfährt wieder an ihren Plätzen zurück sind. Es klappt immer. Auch der Japaner an meiner Seite schafft das auf Anhieb. Das Wunder der Gene.

Wir fahren zum Tochoji Tempel. Im Inneren des Tempels entzünden wir drei Kerzen und drei Räucherstäbchen, die wir draußen in den Räucherkessel legen. Es ist fast menschenleer und eine große Stille herrscht, seltsam, wo wir doch mitten in der Stadt sind. Wir laufen noch zu einem weiteren Tempel und über einen kleinen Friedhof. Langsam wird es dunkel. Das Meer haben wir an diesem ersten Tag nicht gesehen, wir haben es einfach nicht mehr geschafft. Erschöpft, aber glücklich fahren wir zurück in unser kleines Appartement, um uns auszuruhen…

und die vielen Eindrücke zu verarbeiten:

Wie spät ist es? Ein kleiner Gruß ins 9.250 km entfernte Brüssel. Mannekin Pis sind wir noch öfter begegnet.

Mitten in der Stadt zwischen Hochhäusern, vierspurigen Straßen und Shoppingmalls steht eine kleine europäische Kirche.

Achtung Baustelle! Als wäre das ganze Leben ein einziges Manga.

Eine Straßenzeile mit kleinen Häusern Bars und Restaurants, immer noch mitten in der Stadt.

Oops – verlaufen ins Rotlichtviertel

Shoppingtempel „Canal City“. Wir haben uns fünfmal verlaufen, einen Store gar nicht mehr wieder gefunden und im Uniqlo ist mir die Verkäuferin in die Umkleidekabine nachgelaufen, um sicher zu stellen, dass ich die Strumpffläche ja nicht mit Straßenschuhen betrete.

Shop till you drop, natürlich habe ich auch ein Wollgeschäft besucht.

Typisch für ganz Japan sind beiden Löwen an den Eingängen der Tempel. Das Besondere an den Löwen auf Kyushu ist dabei, dass immer einer das Maul geöffnet und der andere es geschlossen hat.

Der Fukuoka-Tower. 234 Meter hoch. Innen hohl besteht er nur aus einem Aufzugschacht, der auf zwei Aussichtsplattformen führt. Zwei uniformierte junge Frauen bedienen den Aufzug und verbeugen sich jedesmal kurz bevor die Tür sich öffnet.

O yasumi nasai – gute Nacht.

Pia
>j<

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